KINETICS LINE · TECHNISCHE BIBLIOTHEKMaterialien & Auswahl · Technisches Merkblatt
BlattKL-096
Stand10/2026
Materialien & Auswahl · EPDM-PEROXID O-RINGE

Peroxidvernetzte EPDM-O-Ringe — warum das Vernetzungssystem im Heißwasserbetrieb entscheidet

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KINETICS LINEREDAKTIONTECHNIK
KURZ GESAGT

Zwei O-Ringe können identisch aussehen, dieselbe Härte tragen und aus demselben Basispolymer stammen — und sich im Betrieb völlig unterschiedlich verhalten. Der Unterschied liegt in der Vernetzung. Anwendungsbeispiele: Garten-Schnellkupplungen, Schlauchanschlüsse und Außenhähne, Sortimente wie MULTISEAL PRO sowie Heizungs- und technische Warmwasserkreisläufe. Die Verbindung und der konkrete Werkstoff bestimmen die Eignung.

Inhalt
Schnellkupplung mit O-Ring in der Nut. Schematisches Maßbeispiel: 12,1 mm Innendurchmesser und 2,7 mm Schnurstärke; keine Passformzusage für die gezeigte Kupplung.
Schnellkupplung mit O-Ring in der Nut. 12,1 × 2,7 mm ist ein schematisches Maßbeispiel, keine Passformzusage für die gezeigte Kupplung. O-Ring richtig messen →

Was EPDM ist — und was Vernetzung daraus macht

EPDM (Ethylen-Propylen-Dien-Monomer) ist ein Synthesekautschuk, geschätzt für seine Beständigkeit gegen Wasser, Dampf, Ozon, UV und Witterung. Als Rohpolymer ist EPDM aber nicht dichtfähig — es muss vulkanisiert (vernetzt) werden, um vom weichen, fließfähigen Material zum elastischen Festkörper zu werden. Das Vernetzungsmittel bestimmt Art, Dichte und thermische Stabilität dieser Vernetzungen. Zwei Vernetzungssysteme werden unterschieden: Schwefel und Peroxid. Gleiches Polymer, gleiche Farbe — sehr unterschiedliche Dichtungen.

Schwefelvernetzung — der Standardweg

Schwefelbrücken zwischen den Polymerketten ergeben ein flexibles Netzwerk mit guten mechanischen Eigenschaften bei moderaten Temperaturen — kostengünstig und für viele Standardanwendungen ausreichend. Bei Dauerhitze und Verpressung kann sich das Netzwerk verändern; der Ring kehrt nach Entlastung dann nicht vollständig in seinen Querschnitt zurück. Das ist Druckverformungsrest (Compression Set). Wie stark er ausfällt, hängt von Compound, Zeit, Temperatur und Medium ab — eine allgemeine Grenze bei 100 °C gibt es nicht.

Druckverformungsrest: O-Ring vorher, unter Last und Wärme und nach der Entlastung. Niedriger Wert: fast wieder rund. Hoher Wert: bleibt abgeflacht. Vergrößert der Querschnitt, gestrichelt der ursprüngliche.
Niedriger Druckverformungsrest: fast wieder rund. Hoher Wert: bleibt abgeflacht. Schematisch.
Druckverformungsrest in einfachen Worten: O-Ring in die Nut pressen, erwärmen, unter Last lassen. Wie viel seines Querschnitts gewinnt er nach der Entlastung zurück? Niedriger Wert = gute Rückstellung. Hoher Wert = bleibt plattgedrückt — und ein plattgedrückter O-Ring dichtet nicht mehr zuverlässig.

Peroxidvernetzung — was sich ändert und warum

Schwefelvernetzung oben: Schwefelbrücken zwischen zwei Polymerketten. Peroxidvernetzung unten: C–C-Bindungen zwischen den Ketten.
Schwefelbrücken oben, C–C-Bindungen unten. Schwefelbrücken zwischen den Ketten; C–C-Bindungen — meist wärmebeständiger. Schematische Darstellung.

Peroxidvernetzung erzeugt direkte Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen statt Schwefelbrücken — chemisch einfacher, kürzer, deutlich thermostabiler. Peroxidvernetzte Compounds können bei Dauerhitze und Pressung einen geringeren bleibenden Verformungsrest erreichen. Das belegen die Prüfdaten des konkreten Compounds; aus dem Verformungsrest allein folgt keine gemessene verbleibende Dichtkraft.

Die Zahlen (Beispiel: peroxidvernetztes EPDM, 70 Shore A, laut Hersteller-Datenblatt)

PrüfbedingungNormDruckverformungsrest
22 h bei 100 °CISO 815-1 A7 %
70 h bei 100 °CISO 815-1 A10 %
22 h bei 125 °CISO 815-1 A10 %
70 h bei 150 °CISO 815-1 A20 %
1000 h bei 110 °C in WasserDVGW W 53410 %
2000 h bei 110 °C in WasserDVGW W 53415 %
3000 h bei 110 °C in WasserDVGW W 53419,5 %

Die Werte nach DVGW W 534 sind für Heiß- und Warmwasseranwendungen am wichtigsten: Nach 3000 Stunden bei 110 °C in Wasser bleiben 19,5 % Verformungsrest. Für ein Schwefel-EPDM dieselben Langzeitdaten verlangen und vergleichen.

Peroxid vs. Schwefel — die praktischen Unterschiede

EigenschaftPeroxidvernetztSchwefelvernetzt
Druckverformungsrest kurzfristigin der Regel besser (compoundabhängig)ausreichend (compoundabhängig)
Druckverformungsrest bei Dauerhitzein der Regel deutlich besser (compoundabhängig)verschlechtert sich in der Regel schneller (compoundabhängig)
Thermostabilität der Vernetzunghoch — C–Cmittel — S-Brücken
Typische Temperaturgrenze je Compound und Mediumbis etwa +150 °Cbis etwa +130 °C
Kälte statisch / dynamischBeispiel-Compound: −65 °C / −45 °Ccompoundabhängig
Ozon/UVausgezeichnetausgezeichnet
Materialkostenhöherniedriger

Wann Peroxid die richtige Spezifikation ist

  • Dauerhafter Heißwasserkontakt im Temperaturbereich des konkreten Compounds — Heizung und Warmwasseranwendungen
  • Dauerpressung über lange Zeit — Ventilsitze, Pumpengehäuse, statische Dichtungen in Druckanlagen
  • Außeninstallationen mit UV, Ozon und Temperaturwechseln
  • Betrieb nahe der EPDM-Temperaturobergrenze
  • Wenn Langzeit-Heißwasserdaten gefordert sind — Tauchprüfungen nach DVGW W 534
  • Schnellkupplungen und Schlauchanschlüsse im Garten — wiederholte Steckzyklen, Witterung, Saisonwechsel
Warum das bei Garten-Schnellkupplungen zählt: Witterung, Temperaturwechsel und wiederholtes Stecken belasten den O-Ring. Eine geeignete EPDM-Mischung ist dafür eine gute Wahl. Tropft die Kupplung, zuerst Größe, Nut, Verschleiß und Montage prüfen; das Vernetzungssystem allein behebt kein falsches Maß und keinen beschädigten Sitz.

Wo Peroxid-EPDM NICHT die Antwort ist

EPDM ist keine allgemeine Wahl für Mineralöle und Kraftstoffe. Die Eignung der konkreten Mischung für das genaue Medium und die Temperatur muss bestätigt sein; das Vernetzungssystem allein belegt sie nicht. „Öl“ allein bezeichnet keine eindeutige Flüssigkeit. Geeignete NBR-Compounds kommen je nach Medium infrage. EPDM und NBR vergleichen und den O-Ring-Werkstoff passend zur Anwendung wählen.

EigenschaftPeroxid-EPDMNBR
WasserBeispiel-Compound: Materialbereich bis +150 °C; Einsatzbedingungen beachtencompound- und temperaturabhängig
Kälte (statisch)−65 °Ctyp. −30 °C
Ozon / UVausgezeichnetschwach / begrenzt
Langzeit im Freiengut geeignetnicht empfohlen
Mineralöle & Kraftstoffenicht geeignetgut
Trinkwassernur mit Nachweis des Compoundsnur mit Nachweis des Compounds

Hinweis zu Compound-Daten

Beim Bewerten eines EPDM-Compounds sagt der Druckverformungsrest über mehrere Zeit- und Temperaturpunkte mehr als jeder einzelne Härte- oder Zugfestigkeitswert. Zeigt ein Datenblatt nur Kurzzeitwerte bei niedriger Temperatur, reicht das für Heißwasser- und Heizanwendungen nicht: Auf Daten ab 1000 Stunden bei ≥100 °C achten — dort wird der Unterschied der Vernetzungssysteme sichtbar.

Peroxid-EPDM bei Kinetics Line

Peroxidvernetzte EPDM-O-Ringe sind bei Kinetics Line derzeit Bestandteil von MULTISEAL PRO (12,1 × 2,7 mm), dem Sortiment für Haushalt und Garten. Die Beispieldaten oben sind kein Nachweis für jede Größe oder Charge des Sortiments.

Wenn die Anwendung Peroxid-EPDM verlangt

Für Trinkwasser nach den aktuellen Nachweisen des konkreten Compounds fragen: in Deutschland KTW-BWGL (mit DIN EN 16421), in Großbritannien beispielsweise WRAS (BS 6920), für Heißwasser-Langzeitdaten DVGW W 534. Ein Hinweis auf „KTW“ ohne BWGL reicht für den heutigen deutschen Nachweis nicht.

Peroxidvernetzung ist kein Premium-Etikett, sondern eine konkrete technische Eigenschaft für konkrete Bedingungen. Lange Serviceintervalle und Heißwasserkontakt: das Vernetzungssystem zusammen mit den Langzeitdaten des Compounds auswählen. Langzeitwerte des Druckverformungsrests helfen dabei, ersetzen aber weder die Materialidentität noch den Nachweis für die konkrete Anwendung.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen peroxid- und schwefelvernetztem EPDM?

Die Vernetzung. Peroxid erzeugt direkte Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen; Schwefel bildet Schwefelbrücken. Peroxidvernetzte Compounds können unter Dauerhitze einen geringeren Druckverformungsrest erreichen. Die konkreten Daten entscheiden.

Woran erkenne ich, ob ein O-Ring peroxidvernetzt ist?

Nicht am Aussehen und nicht allein am Druckverformungsrest. Das Vernetzungssystem muss im Herstellerdatenblatt oder in einer Herstellerbestätigung ausdrücklich angegeben sein.

Ist Peroxid-EPDM für Öl und Kraftstoff geeignet?

EPDM ist keine allgemeine Wahl für Mineralöle und Kraftstoffe. Die Eignung der konkreten Mischung für das genaue Medium und die Temperatur muss bestätigt sein; das Vernetzungssystem allein belegt sie nicht. Geeignete NBR-Compounds kommen je nach Medium infrage.

Darf jeder EPDM-O-Ring ans Trinkwasser?

Nein. Nur mit einem passenden Nachweis des konkreten Compounds und der fertigen Ausführung. In Deutschland zählt die einschlägige KTW-BWGL; WRAS ist ein freiwilliger britischer Nachweis.

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